I. Handlesen Geschichte
II. Handlesen im Eadwine Psalter
III. Julius Spier, Etty Hillesum und Dr. Charlotte Wolff

 

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I. Handlesen Geschichte

Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht,
wird wundersame Figuren entstehen sehn;
Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen,
die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee,
in Kristallen und in Steinbildungen, auf gefrierendem Wasser,
im Innern und Äußern der Gebirge, der Pflanzen, der Tiere, der Menschen,
in den Lichtern des Himmels, auf berührten und gestrichenen Scheiben
von Pech und Glas, in den Feilspänen um den Magneten her, und in
sonderbaren Konjunkturen des Zufalls, erblickt.

Aus: "Die Lehrlinge zu Sais", Novalis

 

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Handlesen hat etwas Faszinierendes. Seine Herkunft liegt im Dunkeln und wer davon hört, denkt meist an die Frauen der Fahrenden, die einen zweifelhaften Ruf genießen. Wer ihnen im südfranzösischen Les Saintes-Maries-De-La-Mer begegnet, dem Wallfahrtsort ihrer Schwarzen Madonna, entgeht ihnen nur mit Mühe. Rund um die Kirche sprechen sie jeden an. Und wen interessiert nicht die eigene Zukunft, vor allem, wenn es dabei um Liebe und Geld geht?

Die ältesten Überlieferungen finden wir im Indien der vorvedischen Zeit. Zusammen mit anderen Techniken, wie etwa dem Weissagen aus Omen oder Träumen, gehört es zu den sieben klassischen indischen Prognosemethoden. Ihr Begründer soll kein geringerer sein als der Meeresgott Samudra. Daher der Name: Smudrika Shastra, die Wissenschaft des Samudra. Die Hindus sind überzeugt davon, dass es zu allen Göttern, Göttinnen und heiligen Strömen ein Gegenstück in der Hand gibt. Deshalb ist sie ihnen heilig.

Ersetzen wir jene durch die griechischen Götternamen und ihre astrologischen Symbole, ergibt das durchaus einen Sinn.

Für die Inder war das Handlesen eine Technik zur Selbsterkenntnis, mehr aber eine Möglichkeit des Blickes auf das eigene Schicksal und der Vorausschau auf das Leben.

johannes hartlieb alte handlinienIn Europa wurde das Handlesen zuerst unter den mittelalterlichen Mönchen bekannt. Sie verwandten diese als Charakterkunde und zu medizinischen Diagnosen. Die Ärzte der Renaissance griffen die Chiromantie interessiert auf und verbanden sie mit der AstroloIgie. Dies belegen etwa die Schriften von Paracelsus und Agrippa von Nettesheim.

Zu Beginn der Renaissance kam das Handlesen geradezu in Mode. Nicht verwunderlich, dass unter den ersten Büchern, die in Europa gedruckt wurden, neben der Guthenbergbibel schon 1475 "Die Kunst Chiromantia" aufgelegt wurde. Das noch im Blockdruck angefertigte Buch verbreitete sich rasch und erfreute sich vieler Auflagen. Ungefähr zur selben Zeit fand man in verschiedenen Schriften die ersten Zuordnungen der Planeten zu den Handbergen und Fingern.

In neuerer Zeit wurde die Chirologie, wie sie heute oft genannt wird, von wenigen renommierten Forschern ernst genommen. Zu ihnen gehört C.G. Jung. Er war mit dem, Ende der 1930er Jahre nach Amsterdam emigrierten Frankfurter Psychochirologen Julius Spier bekannt und hatte mehrfach Gelegenheit, dessen Beratungen persönlich zu begleiten. Dabei kam er zu folgendem Urteil: "Ich muss gestehen, dass ich von seinen Resultaten nachhaltig beeindruckt war."

Was der erfahrene Psychologe an Spier besonders schätzte, war die Verwendung der Chirologie als Charakterkunde. Sie erfasst in erster LInie unsere Anlagen, markante und pathologische Prägungen sowie den Ausblick, wohin die persönliche Entwicklung gehen könnte.

Ähnlich wie die moderne Astrologie geht auch die Chirologie davon aus: Je selbstbewusster der Mensch sein Leben gestaltet, desto eher befreit er sich von Wiederholungszwängen. Dies führt von der alten Wahrsagekunst zu einer revidierten Chirologie, die den Menschen als Selbstgestalter seines Schicksals in den Mittelpunkt rückt.

 

II. Handlesen im Eadwine Psalter

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Noch heute sind viele Menschen davon überzeugt, Handlesen sei mit den Fahrenden, den Sinti und Roma, zu uns gekommen. Umso mehr mag es deshalb erstaunen, dass bereits um 1160 n. Chr. ein Mönch in Christchurch, Canterbury das sogenannte Eadwine Psalter verfasste, das neben Gebeten und Glaubenssätzen als erstes Buch im nördlichen Europa ein Kapitel über Handlesen enthielt.

Das Schriftstück erwähnt auch erstmalig den Begriff Chiromantia oder Chiromanticus und zeigt, dass die chiromantische Tradition bereits Mitte des 12. Jahrhunderts wohl aus Arabien kommend unsere Gegend und die britischen Inseln erreicht hat. Die später erweiterte Version der Eadwine Chiromancy enthällt vier Illustrationen mit chiromantischen Merkmalen, die wahrscheinlich die ältesten dieser Art in der gesamten westlichen Tradition sind. Zu ihnen gehört die nebenstehende Zeichnung. Wie die Sammlung außerdem zeigt, sah der Autor im Handlesen nichts Unchristliches.

 

III. *Julius Spier

julius spier handleser

Julius Spier war Psycho-Chirologe und arbeitete mit C. G. Jung zusammen. Sein 1944 erstmalig auf Englisch erschienenes Buch "The Hands of Children" gilt wegen der Einbeziehung der psychotherapeutischen Denkweise noch heute als vielbeachtetes Werk. Spiers Handlesemethode ist sehr individuell und für Anfänger wenig geeignet. Sein großer Erfolg in den 1930-40er Jahren beruhte wahrscheinlich mehr auf seiner sensiblen, "übersinnlichen" Wahrnehmung als auf der reinen Handlese-Technik. Im deutschsprachigen Raum ist er heute nahezu unbekannt.

julius spier geburtshoroskop

J. Spier wurde am 25. April 1887 in Frankfurt / M. geboren. Sein Vater war ein assimilierter Jude und stammte aus einer dort alteingesessenen Familie.

Bereits mit siebzehn Jahren besuchte er einen Vortrag über Chirologie, den ein von ihm nicht näher bezeichneter Arzt hielt. Er war davon so beeindruckt, dass er sich fortan intensiv mit dem Studium der Hände beschäftigte.

Nachdem er zunehmend sein Talent fürs Handlesen entdeckt hatte, kündigte er 1927 seine Stelle in der Metallhandelsgesellschaft Beer-Sontheimer & Co, in der er zuletzt als Personalchef tätig war.

Zwischen 1926 - 28 führte er bei C. G. Jung in Zürich eine Analyse durch. Jung ermunterte ihn, professioneller Psycho-Chirologe zu werden. 1929 siedelte Spier mit seiner Familie nach Berlin um und eröffnete eine psycho-chirologische Praxis, die bald sehr erfolgreich war. Insbesondere in der Damenwelt verbreitete sich rasch sein Ruf als ungewöhnliche, "magische" Persönlichkeit.

Neben seiner Berufstätigkeit hielt J. Spier in vielen Städten Kurse ab, so zum Beispiel in Berlin und Zürich. An ihnen nahmen vor allem Ärzte, Psychologen und psychologisch Interessierte teil. Auf diese Wiese und durch sein 1944 in London erstmalig in englischer Sprache erschienene Buch, beeinflusst er die Entwicklung der modernen, psychologisch orientierten Chirologen. Dazu gehörten etwa die Frau des berühmten Psychologen Neumann und später die Chirologen in Israel.

1935 ließ sich Spier von seiner Frau scheiden, weil er "ein homme a femme war und von den Frauen angeschwärmt wurde", wie sein Sohn in seiner Biographie berichtet. Kurz nach der Reichsprogromnacht 1938 emigrierte Spier nach Amsterdam, wo seine Schwester mit einem jüdischen Bankier verheiratet war.

Seine psycho-chirologische Beratungspraxis im niederländischen Exil florierte ebenfalls nach kurzer Zeit. Im September 1942 verstarb Julius Spier an Lungenkrebs, am Tag bevor die Gestapo vor seiner Türe stand, um ihn ins Durchgangslager Westerbork zu deportieren. Den Bescheid dazu hatte er bereits in der Tasche.

ett hillesum ca 1940

Etty Hillesum lernte Julius Spier um 1940 in Amsterdam anlässlich einer Handlesitzung kennen, die jener zu Studienzwecken vor einem interessierten Kreis abhielt. Freunde hatten sie dazu als "Modell" mitgebracht. Wie Etty in ihrem Tagebuch berichtet, war sie sofort von ihm beeindruckt und begann bei ihm eine psycho-chirologische Therapie. J. Spier gab dabei den Anstoß zum regelmäßigen Schreiben ihres berühmten Tagebuches.

In der Folge entwickelte sich zwischen beiden eine enge Freundschaft, die auf Grund von Spiers Verlobung mit Herta Levi eine gewisse Distanz bewahrte. Spiers Verlobte war bereits nach London emigriert und rettete auf diese Weise Spiers Schriften vor der Vernichtung. In dieser Zeit arbeitete Etty bei Spier als Sekretärin.

Kurz nach seinem Tod wurde sie unter dramatischen Umständen nach Ausschwitz deportiert und dort von den Nazis ermordet. In Ihrem Tagebuch beschreibt sie die Beziehung zu Spier ausführlich.

dr charlotte wolff

Dr. Charlotte Wolff, die international renommierte Ärztin, Psychologin und Chirologin, erwähnt in ihrer Biographie, wie sie in Berlin einen Chirologie-Kurs von Julius Spier besuchte, der speziell für Ärzte gedacht war. Später schrieb sie darüber: "Ich bin diesem Mann, der mich auf den Weg zu einer Reise um die menschliche Hand schickte, zu ewigem Dank verpflichtet."

 

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